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Erstellungsdatum: 01.08.- 03.09.1998

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Fremdautor: Karl-Erich Weber

Bemerkungen: CP-Bericht und Interview: Info2000 Enquete-Kommission

 

 

 

@-DZ10:

@-HD24:

Info2000 per Anhalter in die Informationsgesellschaft

 

@-VOR-RRubrik: MÜNCHEN:

@-VORSPANN: Sie überraschen uns mit Bitsteuer und Kryptografieverboten verklagen Internet-Provider und hauen uns CE-Regelungen und Meisterbriefe um die Ohren. Lauschangriffe auf E-Mail und Internet-Surfer auch ohne konkrete Verdachtsmomente werden nicht nur diskutiert. Ist die Politik reif für das angebrochene Informationszeitalter? Die Antworten darauf finden sich im soeben veröffentlichten Bericht der zweieinhalb Jahre tätigen Enquete-Kommission des Bundestages.

@-BT: Für den einen treten die Staus auf den Datenautobahnen vor allem in der Ferienzeit auf, für die anderen ist Tele-Arbeit ein Job in einem Fernsehstudio. So oder zumindest nicht viel anders zeigt sich die Qualifikation der Politik zu Beginn des neu anbrechenden Zeitalters in der Öffentlichkeit. Um überhaupt noch den Anschluß an die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK) zu erhalten, konstituierte der Deutsche Bundestag am 5. Dezember 1995 eine Enquete-Kommission bestehend aus Parlamentariern aller im Bundestag vertretenen Parteien, sowie Sachverständigen mit dem Titel "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft". Kurz vor der Sommerpause hat die Kommission ihren Schlußbericht vorgelegt. Die darin aufgezeigten Chancen und Risiken sollte jeder Fachhändler kennen, denn es wird sich einiges ändern im neuen Jahrtausend.

Obwohl für die einen das Informationszeitalter bereits beginnt, sehen andere erst in der Mitte des nächsten Jahrhunderts ein Wandel der Industriedominanz zur informationsbasierenden Gesellschaft. Während die einen schon jetzt Rahmenbedingungen für die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen wollen, versuchen andere die derzeitige Arbeitslosigkeit als Anhaltspunkt für den Wunsch zur Selbständigkeit zu erklären. Doch über das übliche Parteiengeplänkel hinaus, haben sich Eckpunkte für die Zukunft ergeben. Konsens erzielten die Mitglieder beispielsweise darüber, daß eine weitere Globalisierung durch die steigende Akzeptanz des Internet stattfindet und eine stärkere Nutzung des World Wide Web in Deutschland durch die hohen Verbindungkosten gebremst wird. Diesbezüglich sieht die Mehrheit in absehbarer Zeit auch eine Veränderung des Kaufverhaltens durch Direktkauf unter wachsender Ausschaltung des klassischen Handels. Die Zukunft gehört nach Meinung der Experten den kleinen, flexiblen und innovationsfreudigen Unternehmen, die erfahrungsgemäß schneller auf Kundenwünsche reagieren können.

@-Z:

Die hohen Verbindungskosten blockieren die stärkere Nutzung des Inter-net in Deutschland.

Wer den schnellen Euro statt einer individuellen Beratung und Problemlösung praktiziert wird in der näheren Zukunft bereits Existenzprobleme bekommen. Hier zeichnet sich schon heute der Verdrängungswettbewerb bei Versand und Cash & Carry ab. Neben maßgeschneiderten, termingerechten Produkten hoher Qualität, bieten sich dem Fachhandel durch die gewachsene Kompetenz im Kommunikationsmarkt und durch seine Präsenz vor Ort gute Existenzgrundlagen wenn eine Kooperationsbereitschaft und fähigkeit vorhanden ist. Die zunehmende Bildung virtueller Unternehmen wird im 21. Jahrhundert ausführende Kompetenz vor Ort erfordern, die rationalisierte Produzenten nicht leisten wollen und können, da nur noch die Beschränkung auf Kernkompetenzen ausreichend profitabel sein wird.

Es wird also ein individualisierter, hochqualifizierter und kundennaher Fachhandel gefragt sein, der als Schnittstelle zwischen Produktion und Anwender fungiert. Auf der Anwenderseite wird Medienkompetenz erwartet, die es mit geförderten Schulungen, neuen Berufsbildern und vor allem einer lebenslangen Lernbereitschaft ständig zu aktualisieren gilt.

@-Z:

Der Fachhändler wird zum Dienstleister werden müssen.

Neue Ertragsfelder gibt es im Beratungsbereich, Webseitenerstellung, Vermietung und Pflege, Support und Wartung von Hard- und, immer stärker werdend, Software. Tele-Arbeit, besser Tele-Heimarbeit ist die neue Arbeitsform in der Infogesellschaft. Solange Menschen noch mehrheitlich ihren Wohnort verlassen müssen um an einer Produktionsstätte ihren Beruf auszuüben kann noch nicht von einem Informationszeitalter gesprochen werden. Ein führendes Wirtschaftsland, das die Bundesrepublik Deutschland zweifellos noch ist, darf es sich allerdings nicht erlauben, den Weg dorthin nur zu kommentieren und auf Veränderungen zu reagieren, sondern die Politik hat die Pflicht das neue Zeitalter zu gestalten in dem sie beispielsweise aktiv Telearbeitsplätze fördert, soziale Mindestabsicherungen für die "neuen Selbständigen" festlegt, Internetanschlüsse bezuschußt oder die Telefoniekosten subventioniert. Verordnungen und Gesetze, die eine Annäherung an die Informationsgesellschaft blockieren oder bremsen, müssen verändert werden (Handwerksordnung, berufliche Bildungsgesetze, Bürokratismus et cetera) und eine Bildungs- und Forschungsinitiative hat den Standort Deutschland in eine konkurrenzfähige Startposition 2000 zu bringen.

@-Z:

Medienkompetenz ist als Schlagwort verbreitet, in der Praxis aber kaum vorhanden.

Zu diesem Zeitpunkt wird in den USA jede Schule am Internet angeschlossen sein, während bei uns Hauptschüler dem Lehrpersonal Nachhilfeunterricht in Sachen Computer geben müssen. Wir haben in Deutschland zwar die technischen Voraussetzungen aber weder personell noch politisch das Umfeld geschaffen. Im Gegenteil, der jetzt noch gesuchte Informatiker wird kurz nach dem Millenium und der Euroumstellung immer überflüssiger werden. Es werden kreative Multimediadesigner, Webmaster und Informationsbroker sein die gesucht werden, wer bildet sie aus? Es wird darum gehen virtuelle Unternehmen und Projekte zu begleiten, zu koordinieren und zu terminieren. Der Fachhandel wird als quasi Subunternehmer der Hersteller vor Ort ausführen. Wo sind die Koordinatoren? Welcher Fachhändler kann sich heute vorstellen MediaMarkt- oder Versandhausrechner gegen Provision oder Festsatz beim Kunden vor Ort zu installieren? Wer kann sich vorstellen morgen für einen koreanischen und übermorgen für einen amerikanischen Produzenten einen 24-Stunden-Notdienst zu betreiben oder für Microsoft Updates bei einem mittelständischen Unternehmen durchzuführen? Der Hardwareverkauf wird für den Fachhandel zweitrangig werden, die Medienberatung und Support erstes Standbein. Wer dieser Entwicklung nicht folgen will oder kann, muß den Weg der Videotheken und Bräunungsstudios gehen.

Weder werden Programmierer noch Betriebswirtschaftler mit dem Kenntnisstand des 20. Jahrhunderts gebraucht, noch weniger aber Politiker aus dem Industriezeitalter. Wer lebenslanges Lernen fordert, sollte nicht die achtziger Jahre zitieren in denen 640 KB Arbeitsspeicher bis ins nächste Jahrtausend reichen sollten. Die Gesellschaft braucht aktuelle Visionen, der Fachhandel Wege in das Morgen, die ständig aktualisiert werden. Wer die Infogesellschaft nicht packt, kollabiert im Zwang des Wirtschaftswachstums und macht sich abhängig von den agierenden Regierungen wie der USA oder den daraus folgenden Wissens- und Informationszentren der Online-Welt. (kew)

 

((Kasten))

@-DZ: interview

@-Z: Interview mit Doris Barnett MdB, Obfrau der Enquete-Kommission "Informationsgesellschaft":

@-BT:

Nach dem Schlußbericht zu urteilen scheinen die Zeichen der Neuzeit zumindest teilweise erkannt zu sein. Denken Sie, daß derzeit genügend Know-how bei den politisch Verantwortlichen (Bund, Länder und Gemeinden) vorhanden ist um die Anforderungen der Informationsgesellschaft rechtzeitig zu erfüllen?

In der Informations- und Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts können nur die Unternehmen und Standorte im globalen Wettbewerb bestehen, die in der technologischen Entwicklung die Nase vorn haben. Eine moderne Standortpolitik muß deshalb vor allem ihre Anstrengungen in Forschung und Entwicklung intensivieren. Deshalb war es unverantwortlich, daß die derzeitige Bundesregierung die Mittel für Zukunftsinvestitionen im Bundeshaushalt in den letzten Jahren immer weiter zusammengestrichen hat. Gerhard Schröder hat angekündigt, daß die Zukunftsinvestitionen in Forschung und Wissenschaft in den nächsten fünf Jahren verdoppelt werden.

Wenn es der Staat als Vorbild und Wegbereiter in die Informationsgesellschaft nicht "nötig" hat, wie wollen Sie Handwerk, Klein- und Mittelbetriebe motivieren?

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Der Staat muß Signale für Innovation und technischen Fortschritt setzen, damit auch die Wissenschaft den Zug der Zeit erkennt. Gerade kleine und mittlere Unternehmen profitieren, wenn es eine politische und technologische Aufbruchstimmung gibt.

 

Die Meinungen über Zeitpunkt und Werdegang der neuen Ära sind noch sehr diffus. Wie stellen Sie sich die Auswirkungen der Informationsgesellschaft in unmittelbarer Zukunft vor?

Der Arbeitsprozeß wird sich durch Informations- und Kommunikationstechnologien weiter verändern. Für viele Arbeiten wird Ort und Zeit irrelevant. Damit werden sich auch die klassischen Arbeitsverhältnisse verändern, Stichwort Tele-Arbeit. Hier gilt es, die Tele-Arbeitnehmer vor Preisdumping und Scheinselbständigkeit zu schützen. Die Produktion wird weiterhin rationalisieren mit immer perfekteren computerunterstützten Maschinen. Deshalb werden wir in Deutschland auf hochqualifizierte Arbeitsplätze in Forschung, Entwicklung, Wartung und Betrieb setzen, aber auch auf den erwarteten sich ausweitenden Dienstleistungssektor. Hier müssen größere Anstrengungen im Bereich der Bildungsarbeit erfolgen, Stichwort lebenslanges Lernen. Für Menschen die aus welchen Gründen auch immer keine "Einsteins" sind, werden staatliche Maßnahmen erforderlich sein, damit Deutschland eine humane Gesellschaft zu bleibt.

Die Marktführer wie IBM, Intel oder Microsoft propagieren sehr stark den elektronischen Kommerz via Internet. Wie sehen Sie den Handel in zehn Jahren?

Durch den elektronischen Handel werden neue Märkte entstehen. Diese Chancen müssen wir nutzen. Es müssen dafür die richtigen marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen gesetzt werden. So muß beispielsweise größter Wert auf die Vertraulichkeit im grenzenlosen Datenverkehr gelegt werden. Wenn Innenminister Kanther die Wirtschaft zur Herausgabe von Codes, mit denen Datenströme verschlüsselt werden können, zwingen will und damit Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse von Dritten mitgehört werden, wird der elektronische Handel eher behindert als gefördert. Übrigens muß die Politik auch dafür sorgen, daß der heutige Einzelhandel bei dieser Entwicklung nicht auf der Strecke bleibt.

@-Z:

Doris Barnett: Die USA haben Gore und Clinton, wir Rüttgers und Kohl!

 

Sich bei einem Gesellschaftswandel allein auf die Automatik der Wirtschaft zu verlassen wäre katastrophal. Welche Entwicklungen wird die Politik in nächster Zukunft fördern?

Wir wollen eine Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft, bei der Markt und soziale Verantwortung in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Nur wenn das Soziale in einer Gesellschaft nicht zu kurz kommt, werden die Menschen die technologischen Veränderungen annehmen. Aber klar ist, die technische Entwicklung, besonders Standards, sollte nicht von der Politik vorgegeben werden. Der Sachverstand befindet sich bei den betroffenen Unternehmen. Nachdem die Telekom privat ist, kann auch hier die Politik nicht mehr vorschreiben ob beispielsweise Kupfer oder Glasfaser verwendet wird.

Für die Handels- und Dienstleistungsunternehmen werden die gravierendsten Änderungen anstehen. Wie sollten sich die Computer- und Kommunikations-Fachhändler besonders auf die Infogesellschaft vorbereiten?

Die Unternehmen müssen die zum Teil immer komplizierter werdenden Computerprogramme und Telekommunikationsgeräte mit einer dauerhaften, kundenorientierten Betreuung und Beratung anbieten. Auch in diesem Bereich muß eine Dienstleistungskultur entstehen. Ich wünsche mir, und das bereite ich derzeit vor, daß in dezentralen Kompetenzzentren in Verbindung mit dem Fachhandel, den Anwendern der neuen Techniken Hilfestellung und Zusammenarbeit angeboten wird. Es wird mehr örtliche Beratung und "Hotlines" nötig sein.

Wir sind an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Was würden Sie einem Arbeitnehmer, Unternehmer, einer Verwaltung oder Schule zur Vorbereitung auf die Zukunft empfehlen?

Qualifizierung, Bildung, Weiterbildung, Forschung, Wissenschaft, - das ist der Schlüssel zur Zukunft. Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts muß Deutschland eine lernende Gesellschaft werden.

Die größten Schwierigkeiten im Bildungsbereich liegen in der Ausstattung aber auch in der Qualifikation der Lehranstalten. Aus- und Weiterbildung hinken oftmals fünf bis zehn Jahre hinterher. Welche Maßnahmen halten Sie für erforderlich?

In der Tat ist das Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland noch längst nicht genügend auf die Anforderungen der Wissensgesellschaft vorbereitet. Es müssen sehr viel schneller neue Ausbildungsgänge eingerichtet werden, um dem Arbeitskräftemangel bei Multimedia-Berufen zu begegnen. Bei der Berufsausbildung muß größerer Wert auf die Weiterbildung gelegt werden, weil die einmal erworbenen Qualifikationen immer schneller veralten. Die Weiterbildung muß als vierte Säule der Bildungspolitik verankert werden. Die Ausstattung der Schulen mit multimediafähigen Computern und Lernprogrammen muß dringend verbessert werden. Im Startprogramm der SPD ist vorgesehen, daß bis zum Jahr 2000 alle deutschen Schulen einen Anschluß ans Internet erhalten müssen. Dafür sind 200 Millionen DM vorgesehen. Allerdings müssen auch die Lehrer in die Weiterbildung einbezogen werden, sonst verstauben die Computer in den Ecken der Klassenzimmer. Politik und Wirtschaft müssen auch zu einer neuen Bildungspartnerschaft kommen: Von der Wirtschaft gesponserte Computer und Netzgebühren müssen auch bei uns selbstverständlicher werden. Denn letztlich sind die Schüler von heute die Arbeitskräfte von morgen.

Vielen Dank für das Interview!

 

@-BU: Doris Barnett: Wir brauchen den Internet-Anschluß für alle.